{"id":84,"date":"2013-11-17T16:37:28","date_gmt":"2013-11-17T15:37:28","guid":{"rendered":"http:\/\/brullsen-hachmuehlen.eu\/?p=84"},"modified":"2016-12-10T16:37:53","modified_gmt":"2016-12-10T15:37:53","slug":"ansprache-des-ortsbuergermeisters-zum-volkstrauertag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/brullsen-hachmuehlen.eu\/?p=84","title":{"rendered":"Ansprache des Ortsb\u00fcrgermeisters zum Volkstrauertag"},"content":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n<p>was bewegt jemanden, der eine Rede am Volkstrauertag halten m\u00f6chte? Woher nimmt man sich den Stoff an diesem j\u00e4hrlich wiederkehrenden Tag? Ich werde inspiriert durch Zeitungsberichte, bewegende Worte und Taten von Pers\u00f6nlichkeiten, die sich in diesem Jahr ereignet habe.So hat mich sehr stark bewegt der Besuch unseres Bundespr\u00e4sidenten Gauck im September dieses Jahres in ORADOUR in Frankreich. Von diesem Ort und den Geschehnissen hatte ich vorher nie geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Was war geschehen:<\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Widerstand wuchs massiv, nachdem am 6. Juni 1944 die Alliierten in der Normandie landeten. Es wurden dt. Soldaten bei Angriffen der R\u00e9sistance get\u00f6tet, was wiederum Racheakte durch Teile einer SS-Panzer-Division ausl\u00f6ste. So trug es sich zu, dass am 10. Juni 1944 ca. 120 Soldaten einer Kompanie dieser Division im Dorf Oradour-sur-Glane einmarschierten, da dort K\u00e4mpfer und ein Waffenlager des franz. Widerstandes vermutet wurden. Ein Sturmbannf\u00fchrer namens Adolf Diekmann hatte den Befehl seines Regimentskommandeurs, 30 Geiseln vom B\u00fcrgermeister des Ortes benennen zu lassen, um diese gegen einen Freund des Kommandeurs, der kurz zuvor von der R\u00e9sistance gefangen genommen worden war, auszutauschen. Dieser Sturmbannf\u00fchrer befahl jedoch eigenm\u00e4chtig und von Rache getrieben dem Kompaniechef, den Ort niederzubrennen und ohne Ausnahme alle Bewohner zu t\u00f6ten. Die Dorfbewohner wurden auf dem Marktplatz zusammengetrieben und von der SS in M\u00e4nner sowie Frauen und Kinder aufgeteilt. . An diesem Tag starben 642 Menschen in Oradour, von denen sp\u00e4ter nur 52 identifiziert werden konnten. Nur sechs Menschen \u00fcberlebten das Massaker. 254 Frauen und 207 Kinder wurden in die Kirche getrieben. Die SS-Leute z\u00fcndeten daraufhin die steinerne Kirche, deren Ruine heute noch erhalten ist, an und sprengten den Kirchturm, der in das Kirchenschiff einschlug, warfen Handgranaten und schossen wahllos in die Menge. Die 181 M\u00e4nner, die zuvor in Garagen und Scheunen gebracht worden waren, wurden danach erschossen. Die Details zu lesen l\u00e4sst einen den Schauer \u00fcber den R\u00fccken laufen. . Und es schockiert einen immer wieder, wenn man liest, zu was Menschen f\u00e4hig sind, zu befehlen und anderen anzutun. Am 4. September diesen Jahres nun besuchte Bundespr\u00e4sident Gauck zusammen mit dem franz. Pr\u00e4sidenten Hollande den Ort des Verbrechens als erstes deutsches Staatsoberhaupt im Rahmen eines Staatsbesuchs. Mit einer Geste der Vers\u00f6hnung gedachten die beiden Pr\u00e4sidenten der Gr\u00e4ueltaten. Hand in Hand lie\u00dfen sich Gauck und Hollande das Massaker schildern.<\/p>\n<p>Dieses Ereignis hat mich sofort an eine Geste vom 22. September 1984 erinnert; ein Tag, an dem es in Str\u00f6men regnete; ein Tag, der in die Geschichtsb\u00fccher einging, als Mitterand und Kohl \u00fcber den Gr\u00e4bern von Verdun sich die H\u00e4nde hielten. Verdun ist einer der blutigsten Kriegsschaupl\u00e4tze der Geschichte. Im I. WK fielen dort in nur einem Jahr 700.000 deutsche und franz\u00f6sische Soldaten.<br \/>\nVor dem Beinhaus, in dem die Gebeine von 150.000 mutma\u00dflich franz\u00f6sischen Soldaten ruhen, standen die Kriegsveteranen Spalier. Vor ihnen der franz\u00f6sische Staatspr\u00e4sident Fran\u00e7ois Mitterrand und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl. Mitterrand wurde im Zweiten Weltkrieg in Verdun verletzt und von deutschen Soldaten gefangen genommen. Kohls Vater hatte im Ersten Weltkrieg in den H\u00fcgeln um Verdun gek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Ein anderes tieftrauriges Ereignis, das man nicht vergessen sollte, j\u00e4hrte sich in diesem Jahr zum 70. Mal:<\/p>\n<p>Die Hinrichtung am 22. Februar 1943 von Christoph Probst, Willi Graf, Alexander Schmorell, Kurt Huber und den Geschwistern Scholl, und einige Zeit sp\u00e4ter auch Hans Leipelt, alle vereinigt in der Widerstandsbewegung der WEISSEN ROSE.<\/p>\n<p>Im Juni 1942 wurden hunderte Flugbl\u00e4tter in Briefk\u00e4sten von \u00c4rzten, Lehrern, Juristen und Staatsbeamten verteilt. Was war dort zu lesen:<\/p>\n<p>\u201eWer von uns ahnt das Ausma\u00df der Schmach, die \u00fcber uns und unsere Kinder kommen wird, wenn einst der Schleier von unseren Augen gefallen ist, die grauenvollsten Verbrechen ans Tageslicht treten?&#8220;<\/p>\n<p>Durch Briefe von der Ostfront und Informationen zu den abscheulichen Zust\u00e4nden im Warschauer Getto wurden die Aktivisten in ihrem Tun best\u00e4rkt und es wurden weitere Flugbl\u00e4tter verteilt und Anti-Hitler-Parolenan Hausw\u00e4nde geschrieben. Bis zum schicksalhaften Tag, dem 18. Februar 1943, hatte es die GESTAPO nicht geschafft, die WEISSE ROSE aufzudecken. An diesem Tag beobachte der Hausdiener der M\u00fcnchener Universit\u00e4t die Geschwister Hans und Sophie Scholl beim Verteilen von Flugbl\u00e4ttern im Lichthof der Uni.<\/p>\n<p>\u201eBesser ein Ende ohne Schrecken als ein Schrecken ohne Ende&#8220; stand als Parole auf den Zetteln.<\/p>\n<p>Hans Scholls letzte Worte am 22. Februar 1943 waren, bevor er vom Fallbeil get\u00f6tet wurde:<\/p>\n<p>\u201eEs lebe die Freiheit&#8220;<\/p>\n<p>Der Widerstand der WEISSEN ROSE galt schon kurz nach dem II. WK als Symbol f\u00fcr das andere bessere Deutschland.<\/p>\n<p>Heute lese ich aufmerksam und detailliert von Berichten, dass ein neuer Widerstand vorhanden ist: In Bad Nenndorf stehen Hunderte Menschen hinter dem B\u00fcrgerb\u00fcndnis<\/p>\n<p>\u201eBad Nenndorf ist bunt&#8220;.<\/p>\n<p>Denn seit Jahren ist die Kurstadt leider immer wieder in den Schlagzeilen wegen diverser rechtsgerichteter Gruppierungen und Veranstaltungen. Diese Hunderte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger stellen sich mit ihrem friedlichen Protest und Filmen und Vortr\u00e4gen gegen diese neue rechte Gefahr.<\/p>\n<p>Mein Appell an Sie alle:<\/p>\n<p>Schauen Sie niemals weg, seien Sie aufmerksam und seien Sie mutig, wenn auch bei uns derartige Personen oder Gruppierungen auftauchen sollten.<\/p>\n<p>Hinschauen m\u00fcssen wir auch, was in unserer Neuzeit in anderen L\u00e4ndern passiert, in denen Menschen durch ein Ein-Parteien-Regime in eine ungewisse Zukunft geraten, sie aus ihrer Heimat fliehen m\u00fcssen, zu Hunderttausenden in Fl\u00fcchtlingslagern mit gro\u00dfteils erb\u00e4rmlichen Zust\u00e4nden leben, abertausende bereits ihr Leben verloren: in Syrien<\/p>\n<p>Wie geht es dort weiter? Ein Ende scheint nicht erkennbar. 5.000 Fl\u00fcchtlinge sind bereits bei uns. Wie viele werden noch kommen und bei uns Schutz suchen?<\/p>\n<p>Sehr geehrte Anwesende und speziell m\u00f6chte ich Euch, liebe Kinder und Jugendliche, ansprechen, wir leben nun seit 68 Jahren hier in Deutschland im Frieden, daf\u00fcr m\u00fcssen wir jeden Tag wieder dankbar sein, aber wir d\u00fcrfen nie das Elend der beiden Weltkriege vergessen; wir d\u00fcrfen nie die Gr\u00e4ueltaten auf beiden Seiten vergessen; wir d\u00fcrfen nie vergessen, dass am 9. November 1938 mit der Reichspogromnacht die systematische Verfolgung, Erniedrigung und Ermordung der Juden in Europa begann; wir d\u00fcrfen nie vergessen, dass bis zum 9. November 1989 ein anderes unterdr\u00fcckendes System den Menschen in Ostdeutschland ihre Freiheit geraubt hat.<\/p>\n<p>Ich bitte Sie aufzustehen und mit mir der Opfer von Krieg, Vertreibung, Rassendiskriminierung, Unterdr\u00fcckung und aus aktuellem der Opfer des Taifuns auf den Philippinen und deren Familien zu gedenken.<\/p>\n<p>Vielen Dank f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\">Sehr geehrte Damen und Herren, was bewegt jemanden, der eine Rede am Volkstrauertag halten m\u00f6chte? Woher nimmt man sich den Stoff an diesem j\u00e4hrlich wiederkehrenden Tag? Ich werde inspiriert durch Zeitungsberichte, bewegende Worte und Taten <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"https:\/\/brullsen-hachmuehlen.eu\/?p=84\" title=\"Ansprache des Ortsb\u00fcrgermeisters zum Volkstrauertag\">[&#8230;]<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,4],"tags":[],"class_list":["post-84","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemeines","category-ortsrat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/brullsen-hachmuehlen.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/brullsen-hachmuehlen.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/brullsen-hachmuehlen.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/brullsen-hachmuehlen.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/brullsen-hachmuehlen.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=84"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/brullsen-hachmuehlen.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":85,"href":"https:\/\/brullsen-hachmuehlen.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84\/revisions\/85"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/brullsen-hachmuehlen.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=84"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/brullsen-hachmuehlen.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=84"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/brullsen-hachmuehlen.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=84"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}